Wieder einer weniger...by Swen.

…. und wieder einer weniger auf der Insel!
Liebe Freunde,
in der ersten Januarwoche 2009 war es wieder einmal soweit – ich war in Good-Old-England um den Briten erneut eines ihrer Schätzchen zu entreißen.
Leider muss ich gleich zu Beginn feststellen, dass ich nicht für mich selbst das ganze gemacht habe, sondern für meinen langjährigen Geschäftspartner Ralf.
Zwar musste ich mir von ihm seit ich meinen Shadow habe immer wieder spöttische Sprüche anhören und wurde von ihm ständig gefrotzelt, aber nachdem er dann selbst mal einen RR gefahren hat (den Spur) änderte sich seine Haltung zusehens und er schaute des Öfteren selbst mal im www. nach RR und B´s.
Zuletzt hat ihm Heiners R-Type so gut gefallen, dass er auch so was haben wollte und so haben wir miteinander nach R-Types bzw. Silver Dawns Ausschau gehalten. Anfang Dez. 08 habe ich einen wirklich schönen Dawn in England gefunden, doch leider wurden wir mit dem Briten nicht handelseinig, da Ralf den geforderten Preis nicht bereit war zu bezahlen – schließlich hatte er überhaupt keine Eile und auch nicht wirklich „Bedarf“ an so einem Auto. Für ihn wäre es ein reines Spielzeug.


Auf nach UK.

Am Nachmittag des Neujahrstags habe ich aus Langeweile in den Tiefen des www. gesurft und bin wie immer auf englischen Seiten mit Rolls-Royce und Bentleys hängen geblieben und da war er wieder, ein Silver Shadow II aus 1979 mit einem Tickford Umbau zu einem 4-türigen Vollcabrio, den ich schon seit Sommer 2007 im Auge hatte. Schon damals hatte mich der Wagen sehr angesprochen und ich hatte seinerzeit auch eine Mitteilung an unseren lieben Werner gesandt mit dem Hinweis, dass ich dieses Auto für eine sehr gute Alternative zu seiner zeitweise zickigen Lady halten würde. Damals jedoch war der Preis mit knapp 20.000 GBP und bedingt durch einen Umrechnungskurs mit dann fast € 28.000 recht happig, zumal schon damals klar war, dass das Auto gut, aber längst nicht Top ist und insofern noch einiges an Geld zu investieren sein würde. Für mich selbst kam er nicht in Frage, da ich ja schon meine Miss Ellie (Shadow II)habe und nachdem noch Miss Mag (Spur II) hinzukam es ohnehin völlig außerhalb der Diskussion war noch einen weiteren RR anzuschaffen.
Am Morgen des 2ten Januar zeigte ich Ralf am PC Fotos des blauen Tickfords und schwärmte von dem besonderen Fahrzeug, zumal der Preis inzwischen deutlich reduziert und der Wechselkurs mehr als günstig stand .
Sein Kommentar: „Kauf ihn doch…“ klang zunächst ebenso locker wie gleichgültig und auf meine Erwiderung, dass leider noch kein Geld an Bäumen wächst, meinte er zu Verwunderung aller Anwesenden: „….dann kauf ich den halt…“


Der Kreidefelsen von Dover

Ich muß zugeben, dass ich darüber doch sehr erstaunt war, insbesondere, als dass er immer wieder betont hatte, dass ein Shadow überhaupt kein Auto für ihn sei und schon gar nicht als Rechtslenker. Bei einem älteren Modell wäre ihm das ja egal, aber alles ab Cloud sollte doch von links zu steuern sein. Seine Meinung hatte sich wohl auch durch den Spur II geändert, den er ja vor einiger Zeit zu ersten Mal gefahren war.
Dann ging alles sehr rasch – am Fr. Nachmittag habe ich mit dem Händler Kontakt aufgenommen um mir das Fahrzeug sehr genau beschreiben zu lassen, danach mit meinem „Engländer“ telefoniert, der wiederum den Verkäufer natürlich auch kannte und ihn gebeten doch einmal von Briten zu Briten bzgl. des Autos Kontakt aufzunehmen denn schließlich kennt Richard , "mein Engländer" ,inzwischen meine Ansprüche und weiß daher besser einzuschätzen, ob das Auto was „für mich“ ist oder eben nicht.
Am Samstag morgen kam dann der Anruf, dass das Auto technisch odentlich sei, der Lack nur „average“ wäre und das Holz auch einer Überholung bedürfe, das Leder sei „reconnolised“ *grrr* - für den Kurs aber ein wirklich sehr interessanter Kauf, zumal nur ein paar Stücke davon umgebaut wurden. Naja, was man von Beschreibungen der Engländer halten kann, darüber haben wir ja schon hinreichend debattiert. „Average“ also „durchschnittlich“ sagte mir Richard sei wohl noch sehr „milde“ beschrieben – ich soll mal lieber davon ausgehen, dass der Lack und einiges Andere zu erneuern sei – er kennt mich eben inzwischen, der Richard ;-)
Somit war klar, am Samstag Mittag Fähre und Hotel via Internet gebucht und am Montag Mittag ging es dann bei starkem Schneefall in Karlsruhe und -2° C mit dem ML plus Trailer in Richtung Calais los.
Die Fahrt war leider doch recht beschwerlich, denn bis weit in die Pfalz hinein schneite es stark und danach war einfach nur noch Sauwetter angesagt.
Ich kam am Abend in Calais an, noch kurz was gegessen und dann bei eisiger Kälte ein kurzer Spaziergang am knochenhart gefrorenen Strand der Nordsee gemacht – das war aber schon irgendwie toll.
Das Hotelzimmer war ehr bescheiden, aber für eine Nacht allemal ok.
Am nächsten Morgen um 7.30 stand ich dann am Terminal und wartete darauf auf die Fähre fahren  zu können und erlebte dabei bei herrlich klarer Winterluft einen wunderschönen Sonnenaufgang mit unglaublich schönem Himmel.
Die See war topfeben und die 90 minütige Überfahrt war schnell vorüber.
Die Kreidefelsen an der englischen Kanalküste leuchteten hellweiß und sahen einfach phantastisch aus  – das war echt eine Entschädigung für das frühe Aufstehen, die Kälte und das lausige Frühstück.
Ein paar kurze Telefonate nach Hause, in die Firma und schließlich beim Verkäufer erledigt und bei strahlend blauem Himmel verging die Zeit bis zur Ankunft in Kent doch recht zügig.
Gegen 11 Uhr englischer Zeit kam ich in einem sehr kleinen und sehr typischen englischen Örtchen an , die Straßen dort waren teilweise sehr vereist und ich bewegte das Gespann so vorsichtig wie möglich bis zur Zieladresse – Navi sei dank!


Bald sind wir am Ziel und die Spannung steigt.

Der Verkäufer hatte seine Firma auf einer ehemaligen Farm angesiedelt, dort graugrüne Wellblechhallen aufgestellt in denen fünf Arbeitsplätze eingerichtet waren, ein Büro und eine Halle die "Ausstellungsfläche" oder besser gesagt Parkplatz für gut 15 Rolls-Royce und Bentleys bot.
Auf allen Arbeitsplätzen wurde emsig gewerkelt und dann sah ich ihn auch schon – den blauen Shadow II – Tickford.
Ganz frisch MOT-abgenommen und mit einem neuen Service versehen sah er aus drei Metern viel besser aus, als zunächst erwartet.
Charles, ein sehr sympathischer Endfünfziger, zeigte mir zunächst ausführlich den Wagen, demonstrierte die Verdeckmechanik und wies mich auch auf alle offensichtlichen Mängel am Fahrzeug hin, die sich vor allem auf den optischen Bereich erstrecken. Bei einer Tasse leckerem Tee machten wir dann ein bisschen Smalltalk, er erzählte mir, dass er über zwei Jahrzehnte bei Rolls-Royce beschäftigt war, zuletzt einige Jahre als verantwortlicher Chefmechaniker in London für alle Fahrzeuge der königlichen Familie und daß er nach seinem Weggang bei RR nun seit einigen Jahren selbstständig diese Fachwerkstatt nebst Handel für Rolls-Royce und Bentleys betreibt.
Wie es schien haben die Jungs dort ganz gut zu tun, waren doch alle Arbeitsplätze belegt und an allen Fahrzeugen wurde gearbeitet. Ich erhielt noch ein paar wertvolle technische Tipps von einem der Mechaniker, allesamt Männer von jenseits der 50, und dann machten wir uns an den Papierkram. Danach hieß es nur noch – Auto aufladen, gut sichern und wieder zurück Richtung Dover. Da die ganze Aktion schneller von statten ging als angenommen ergab sich für mich die Möglichkeit sogar eventuell ein Schiff früher zu bekommen.
Die Rückfahrt war genauso problemlos wie der Hinweg, Superwetter und an der Küste entlang ein traumhaftes Panorama auf den Kanal.
Wie schon angenommen war ich sehr gut in der Zeit, und so entschied ich auf die Festung  Dover hinauf zu fahren um einen Blick zu nehmen auf die Küste und das gegenüberliegende Frankreich. Ok, mit einem 5,5 to. - 11 Meter Gespann keine wirklich intelligente Idee bei den engen Sträßchen, zumal ich auf halbem Weg zur Festung feststellen musste, dass die Burg geschlossen war. Also umdrehen und die nächste Ausfahrt ansteuern, zu den „White Cliffs“ um von dort zu schauen.
Der sagenhafte Blick auf´s Meer war dann Entschädigung für die Rangiererei und so verbrachte ich einige Minuten oberhalb Dovers, machte Fotos und genoss die Aussicht und wenig später war ich schon wieder am Hafenterminal und wartete auf die Verladung. Kurz vor Ankunft in Calais begann die Sonne unterzugehen und ein herrlicher, aber saukalter Wintertag neigte sich seinem Ende.
In Calais angekommen führte mich mein Weg sofort auf die Autobahn Richtung Belgien und Luxemburg, denn ich hatte entschieden die Nacht in Luxemburg zu bleiben, da eine Durchfahren (fast 700km) doch zu anstrengend gewesen wäre und um am nächsten Morgen noch bei Marcel und Marliese im Saarland vorbei zu schauen.
Die Temperaturen fielen immer tiefer und so waren es gegen 21.00 in Belgien -17.5°C.
Gegen 22.20 erreichte ich das kleine Hotel in Foetz/Luxemburg (ja der Ort heißt wirklich so) und nach einer heißen Dusche fiel ich hundemüde ins Bett.
Am nächsten Morgen machte ich mich nach einem recht ordentlichen Frühstück und natürlich einem erfreulichen Besuch bei der Tanke in Luxemburg auf den nur noch 90 km langen Weg nach Eppelborn um Marliese und Marcel zu „überraschen“ und natürlich um Marcel zu bitten, den Wagen ebenfalls von der technischen Seite zu „begutachten“- vier Augen shen bekanntlich mehr als zwei. Wir kamen beide zur einhelligen Meinung, dass es kein schlechter Kauf war, die Technik einen durchweg ordentlichen und recht gepflegten Eindruck macht, das Auto frei von Rost ist und die Verarbeitung des Tickford-Cabrioverdecks sehr ordentlich gemacht wurde. Lediglich die schon bekannten Schwächen an der Lackierung und dem Holz waren letztlich zu bemängeln – nichts was wirklich schlimm wäre; zu diesem Zeitpunkt war uns unmöglich die Mängel zu erkennen, die noch zu Tage treten werden würden.
Gegen 15.00 Uhr war ich wieder zurück in Karlsruhe und erreichte per Handy noch Ralf, den neuen Eigentümer, der eigentlich schon an diesem Morgen um 11.00 Uhr im Flieger Richtung Saigon in den Urlaub unterwegs sein sollte, doch aufgrund des Schneefalls in Frankfurt kam seine Maschine nicht weg und so starteten sie erst gegen 19.00 Uhr. Schnell noch unterrichtete ich Ralf über den Zustand des Autos und besprach mit ihm, dass der Wagen direkt zu unserem Lackierer gebracht werden sollte um ihm wieder den Glanz zu verleihen, der ihm zusteht.


…. Wir durften gespannt sein – Ende Februar sollte er wieder in neuwertigem Lack dastehen um mit Miss Ellie (die Schwarze) um die Wette zu glänzen.
Anfang März war der Lackierbetrieb mit der neulackierung fertig und selbst die Coachline war wieder neu angebracht worden. Das war gar nicht so einfach, denn wir wollten auf jeden Fall eine von Hand gezogene Linie und nicht etwa eine auflackierte oder geklebte Seitenlinie haben. Schließ fand sich ein ehemaliger Lackierermeister, inzwische im Ruhestand, gebürtiger Iatliener und er traute sich zu die Coachline von Hand aufzutragen.
Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen - nicht perfekt - aber eben Handarbeit. Sein Kommentar: das war "Schwerstarbeit!"
Während der Dauer der Ganzlackierung war ein andere Fach-Betrieb mit der kompletten und sehr aufwendigen Überarbeitung des gesamten Holzes betraut.
Sage und schreibe elf Schichten Lack wurden nach und nach aufgebracht - lackieren, schleifen, polieren, lackieren, schleifen, polieren uswusw.
Das Ergebnis ist sensationell geworden! So schön war das Holz bestenfalls noch bei der Auslieferung.....


Auch die Lederausstattung wurde aufgearbeitet und aufgefrischt. Das Leder war noch in durchaus akzeptablem aber nicht mehr wirklich gut. Die Farbauffrischung tat ihm sichtlich gut und es wurde auch wieder viel weicher - dennoch ist dies keine echte Alternative zu neuem Leder. Aber es
ist eben auch immer eine Frage der Kosten.
Nach dem Zusammenbau und einer sehr gründlichen Reinigung stand der Tickford mitte März zum ersten Mal "fertig" da und machte eine wirklich gute Figur. Der Lack glänzte, das helle Verdeck erstrahlte neuwertig, das Holz funkelte und das Leder war frisch gefärbt - die dicken Overrugs lagen frisch gereinigt auf dem Boden. Nun war es bald zeit für eine allererste Probefahrt, die leider doch einige Ernüchterung brachte. Auf Grund des Zeitdrucks nach Ankunft des Tickfords in Deutschland den Wagen bis mitte März optisch "fertig" zu bekommen (ich hatte versprochen ihn auf der Retro-Classic in Stuttgart zu präsentieren) war vorab keine Gelegenheit gewesen das Auto ausgiebig zu testen und zu fahren - wir waren uns im Vorhinein einig, das Pferd in diesem Fall von hinten aufzuzäumen und erst Optik und dann Technik zu machen, immer auch in der Hoffnung, daß er zunächst Augenscheinlich gute Gesamtzustand auch den folgenden Tests standhalten würde. Ganz so war´s dann leider doch nicht. Bei der ersten Testfahrt merkten wir schnell, daß das Bremssystem Probleme an der ersten Bremspumpe hatte, die Auspuffanlage eine überholung wüde nötig haben und hier und da einiges an der Elektrik würde zu richten sein. Womit niemand rechnen konnte war die Tatsache, daß die Engländer mit diversen elektrischen Problemen und den daraus resultierenden Reparaturen im Vorleben der Lady offensichtlich deutlich überfordert waren.
Bei der zweiten Testfahrt jedenfalls ereignete sich ein heftiger Kableschmorbrand und legte große Teile der Elektrik lahm. Der Schock saß tief, hatte damit doch wirklich niemand gerechnet. Nachdem wir dann anfingen das Cockpit komplett zu zerlegen und im Motorraum die verschmorten Kabelklumpen zu sortieren machte sich schnell Ernüchterung breit un d schnell wurde klar, daß hier eine sehr aufwendige und langwierige Totalsanierung der Elektrik würde notwendig werden.


Über 280 Arbeitsstunden war nötig und ca. 600 Meter neues Kabel wurden inzwischen neu verlegt, mehrere hundert Steckverbindungen erneuert, alle Übergänge zwischen Innenraum und Motorraum instandgesetzt - eine sehr zeitraubende und teilweise nervtötende Arbeit, insbesonder deswegen, weil es keine wirklichen Schalt- und Stromlaufpläne gibt, sondern nur den "theoretischen Stromlaufplan". Will heißen - "an dieser Stelle soll ein gelbes Kabel von A nach B führen" - ein Kabel gibt es an der Stelle tatsächlich, nur die Farbe ist oft eine andere und die wechselt oft auch noch die Farbe wenn es von hinten nach vorne durchs Auto geht. Zum Mäusemelken!
Zu unserem Entsetzten mussten wir dann auch noch feststellen, daß die Engländer in den Tiefen der Verkabelung teilweise tüchtig rumgemurkst - und bisweilen ein echtes Blutbad in der Elektrik angerichtet hatten. So mußte man sich wundern, daß überhaupt noch was funktioniert hatte, wenn man nun gesehen hat, wie teilweise Schaltungen umgangen bzw. überbrückt wurden. Es half alles nichts - hier mußte großflächig und umfassend erneuert werden.
Leider war oft die Zeit nicht da um die Restaurierung zügig voran zu treiben und so stand die weidwunde Lady fahruntüchtig monatelang in der Ecke ohne daß sich wirklich jemand um sie kümmerte. Im Frühjahr diesen Jahres entschieden wir dann aber, daß nun endlich an ihr weitergearbeitet werden muß und so machten sich der Werkstattmeister und der Mechatroniker an die Arbeit - nach fast drei Wochen Dauereinsatz an der Tickford-Lady träumten die Männer Nachts von Kabeln und Steckern - immer wieder tauchten neue Probleme auf und die Neuverkabelung mußte wieder und wieder auf neue Gebiete ausgedeht werden.
Inzwischen ist die Lady wieder startklar, der Motor läuft endlich schön und sauber, fast alle elektrischen Helferlein funktionieren wieder einwandfrei nur die Lüftung/Heizung/Klimaanlage lässt sich noch bitten. Außerdem geht es jetzt der Hydraulikanlage noch "an den Kragen", ist die Entscheidung doch gefallen, daß auch hier tiefgreifend revidiert werden soll.
Bleibt zu hoffen, daß die Zeit es zulässt, daß auch diese Baustellen nun zügig abgearbeitet werden können und wir bald von der ersten erfolgreichen Probefahrt nach der Restauration berichten